Powder für alle - Splitboards erobern das Backcountry

Ganz einfach: Hochlaufen! Und wie? Tja, da gibt es mehrere Möglichkeiten. „Backcountry snowboarden“ heißt der Traum auf neudeutsch und erlebt seit einigen Jahren einen gewaltigen Zulauf. Doch wer sein Board mühevoll auf dem Rücken den Berg hoch schleppt, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Split-Boards erleichtern dem Boarder, der die Einsamkeit oder einfach nur frischen Pulver sucht, den Aufstieg ungemein. Es sind keineswegs nur durchgesägte Bretter – Split-Boards von heute sind High-Tech-Geräte pur.


Als die ersten Snowboarder das Backcountry erforschten, kämpften sie sich zu Fuß durch tiefen Schnee, ohne irgendwelche Hilfsmittel. Da war die Powderabfahrt anschließend wirklich verdient, wenn fünf Kilo Snowboard den Hang raufgeschleppt wurden. Neidische Blicke wurden auf Tourenskifahrer geworfen, die im Vergleich scheinbar mühelos einige hundert Höhenmeter am Tag machten. Dafür hatten sie aber nicht dieses einzigartige Fahrerlebnis des Snowboards – machte man sich immer wieder Mut ...

Bald wurden die ersten hellen Köpfe gesichtet, die auf Kurzski mit Tourenbindung und -fellen den Berg erklommen, wieder das Snowboard am Rücken. Na, zum Glück wurden die Rucksäcke auch komfortabler. Doch ein Problem hatten die Kurzski: Beim Spuren im Tiefschnee stieß der Anwender rasch an ihre Grenzen, sie hatten einfach zu wenig Auftrieb. Und die Abfahrt mit den über 1 Meter langen Brettern am Rücken war auch nicht immer einfach.

Also wurde das Nächste ausprobiert: Schneeschuhe – sie liegen seit geraumer Zeit im Trend. Auch wenn das Wandern damit einen Riesenspaß macht und einer gewissen Romantik entspricht, sind sie auch nicht der Stein der Weisen: Das Traversieren steiler und vielleicht noch vereister Hänge ist mit ihnen nahezu unmöglich. Und richtig steile Anstiege sind ohne eine gescheite Steighilfe (sie hebt den Winkel des Fußes um ca. 15 Grad) unter der Bindung kaum zu bewältigen. Dennoch kommt man mit ihnen beim Hiken in flacherem Terrain sehr gut voran.

Die zündende Idee kam einigen Tüftlern aus den USA schon Anfang der 90er Jahre: Sie sägten einfach ein Snowboard der Länge nach in der Mitte durch. Irgendwie wurden Halterungen draufmontiert, um es zusammenzuschnallen, sowie eine Bindung, die zum Aufsteigen in Fahrtrichtung und zum Abfahren quer befestigt werden konnte. Grauslich sah es wohl aus, aber es funktionierte: Das erste Split-Board war fertig – der erste Schritt in eine neue Ära.
Fast zur gleichen Zeit wurde von der – damals noch jungen – Marke Nitro ein teilbares Snowboard entwickelt: mit versetzbarer Tourenbindung, aber zu hohem Gewicht und viel zu hartem Flex. Ein ähnliches System nutzte Fanatic im Modell „Powderwings“, das sogar als Swallowtail konzipiert war. Beide Firmen ließen weitere Entwicklungspläne aber bald wieder in den Schubladen verschwinden.

Nur die US-Bastler blieben hartnäckig und Mitte der 90er wurde ein Partner in der Industrie gefunden, der Erfahrung in der Herstellung von Touren-Equipment hatte: die Firma Voilé in Salt Lake City/Utah. Von jetzt an nahm die Entwicklung einen raschen Verlauf: z. B. erhielten die Boards/Ski jetzt auch an den Innenseiten Stahlkanten, für mehr Halt und Sicherheit beim Aufstieg. Die Bindungs- und Haltesysteme wurden perfektioniert, das Flexverhalten wurde ausgewogener. Sogar spezielle Felle für die überbreiten Boardhälften wurden angefertigt.

Werden in den Rocky Mountains und in Alaska teilbare Tourenboards schon häufiger eingesetzt, sieht man sie in Europa noch recht selten. In der alten Welt ist der ambitionierte Backcountry-Boarder meist noch auf Schneeschuhen unterwegs. Split-Boards fangen gerade an, den europäischen Markt aufzurollen. Und wer einmal so ein Board ausprobiert hat, ist als Tourengeher schnell überzeugt.

Voilé z. B. hat von seinem Modell „Split Decision“ schon mehr als 2.500 Stück unter die amerikanischen Backcountry-Boarder gebracht. Das „Split Decision“ ist seit der Saison 2001/02 endlich auch in Deutschland bzw. Europa erhältlich, und das in drei Längen, plus einem superlangen Board mit Swallowtail. Schon seit ein paar Jahren gibt es hier in zwei Längen das qualitativ ebenfalls hervorragende „Tour“ von Duotone, die sich aber wohl aus diesem kleinen Special-Interest-Markt verabschieden werden. Duotone verwendet sowieso die ausgereiften (Ver-)Bindungskomponenten von Voilé, welche auch die kanadische Marke Prior-Snowboards nutzt. Prior-Snowboards hat jedoch keinen europäischen Vertrieb.
Der wohl bekannteste Snowboardproduzent Burton hat auch die Zeichen der Zeit erkannt: Drei Split-Modelle sollen nun schon in der zweiten Saison die Füße der Tiefschnee-Freunde erobern, haben es aber relativ schwer am Markt. Bei den (Ver-)Bindungen gehen die Jungs aus Vermont nämlich eigene Wege und haben ein von der Idee her tolles System entwickelt, das in der Praxis jedoch viele Wünsche offen lässt.
Was im Backcountry zählt, ist solide, robuste und funktionelle Technik. Hier liegen die Vorteile des simpleren Voilé-Systems.
Findige Entwickler sitzen auch bei Jester Boards am Bodensee: Sie sind sogar noch einen Schritt weiter gegangen und teilen das Board in drei Teile, so dass man einfacher in der – mitunter vereisten – Aufstiegsspur aufsteigen und sogar handelsübliche Felle verwenden kann. Der mittlere Teil des Boards muss wieder an den Rucksack, jedoch wiegt er nicht viel. Störend wirkt er allerdings, wenn man durch dichte Wälder stapft. Leider sind die 3-teiligen Boards weniger torsionssteif, was in der Natur der Sache liegt, und die Steighilfe der Bindung ist weniger komfortabel.
Beim Voilé-System ist die Steighilfe auf dem Board montiert und jederzeit leicht auszuklappen. Burton hat sie in die Bindung integriert, jedoch gibt es auch hier Probleme im harten Einsatz: die Steighilfe klappt oft von selbst ein. Ganz wichtig beim Aufstieg mit einem Split-Board sind Harscheisen: zum Traversieren steiler, verharschter Hänge sollten sie frühzeitig montiert werden. Deshalb dürfen sie nie im Rucksack fehlen. Die Voilé-Harscheisen (Crampons) bieten aufgrund der langjährigen Erfahrung sowie des genutzten Rider-Feedbacks das ausgereifteste System.

Die 2-teiligen Boards funktionieren eigentlich alle nach dem gleichen Prinzip. Geteilt hat man zwei superbreite Ski, an deren Belag für den Aufstieg extrabreite Klebefelle – meist aus Synthetik/Nylon – montiert werden. Aufgrund der großen Auflagefläche hat man auch im Neuschnee eine bessere Tragewirkung als mit normalen Tourenski. Die Bindung ist vom Funktionsprinzip her wie eine einfache Tourenskibindung ausgelegt.
Ist der Bergfreund am Gipfel angekommen, verwandelt er die beiden Ski in ein Snowboard. Sechs Verbindungspunkte reichen aus: Je eine Klammer an Tip und Tail, stabile Metallhaken sowie die beiden Bindungen sorgen dafür, dass alles fest zusammenhält. Die Bindung wird beim Voilé-System auf vier auf dem Board fixierte Grundplatten einfach aufgeschoben. Der Umbau erfolgt komplett ohne Werkzeug und dauert nur wenige Minuten – auch bei –10 Grad. Bei Burton werden die Bindungen mit einem Scherensystem an zwei auf dem Board montierten Metallringen festgeklemmt. Das komplette System ist aus Metall, muss zur Montage absolut Eisfrei sein und dann überaus exakt ineinander gefügt werden. Ziemlich schwierig, wenn einem der Wind um die Nase pfeift.
Den Torsionseigenschaften herkömmlicher Solid- oder Onepiece-Boards stehen teilbare Boards fast in nichts nach. Auch vor einer Abfahrt im Bruchharsch muss einem nicht Bange sein und man ist überrascht, was sie sogar auf der Piste leisten. Carven ist kein Problem ...
Die mitgelieferte Bindungsplatte ist eigentlich nur eine Art Adapter, der die eigene Bindung mit handelsüblichem 4x4 System (Burton: 3D + 4x4) aufnimmt. Ob Soft- oder Plattenbindung entscheidet die Vorliebe des Benutzers sowie der Einsatzbereich, aber das ist schon fast eine eigene Geschichte ...
In Sachen Felle benutzt man entweder die Original-Produkte der Split-Board-Anbieter (z.T. im Lieferumfang enthalten) oder bastelt sich mit etwas Geschick eigene, die genauso gut funktionieren und dafür oft nur die Hälfte kosten. Der Zubehörhandel hält eine große Auswahl in vielen Breiten parat (z. B. colltex, Pomoca, Montana). Die Felle müssen möglichst breit sein und im Mittelteil des „Skis“ nur die Stahlkanten frei lassen. Ob Synthetik-, Natur- oder Mischfelle entscheiden die persönlichen Qualitäts- und Funktionskriterien.
Mit Fellen kostet ein gutes Split-Board etwa 750 Euro – nach oben sind fast keine Grenzen gesetzt. Vor allem die Burton-Boards schlagen ganz mächtig in diese Richtung aus. Das Jester hingegen ist ein echtes Angebot. Einen sehr ausführlichen Split-Board-Test findet man im Internet unter www.snowboard-backcountry.de.

Jede der hier vorgestellten Aufstiegsvarianten hat ihren ganz eigenen Reiz. Ob zu Fuß, mit Kurzski (z. B. Grimper, K2) oder neuerdings auch Split-Ski, die sich zum Transport auseinander nehmen lassen (z. B. ZigZag-Tour, Climb), mit Schneeschuhen oder einem Split-Board. Jeder sollte für sich die schönste, praktischste und sicherste Art des Aufstiegs wählen. Denn dieser ist zwar anstrengend, aber er macht Spaß. Und wir sollten den Spaß im Backcountry nutzen, denn hier herrscht „freier Eintritt“ ... noch!

Never forget: Lawineninformation, Sicherheitsausrüstung (LVS, Schaufel, Sonde, Erste-Hilfe-Pack), Handy/Trillerpfeife und: Geh’ nie alleine!


Weitere Infos:
www.snowboard-backcountry.de
www.voile-europe.de
www.duotone-snowboards.com
www.priorsnowboards.com
www.jesterboards.com
www.burton.com
www.zigzagtour.de
www.climb.co.at
www.colltex.com
www.pomoca.ch
www.bike-board.net
www.ortovox.com

oder:
reisinger@jr-teams.de


Literatur:
Backcountry Guide – Touren für Snowboarder
Matthias Rotter
ISBN 3-00-006655-1

Bayrische Alpen
50 Skitouren für Einsteiger und Genießer
Bergverlag Rother
Rothers Skiführer
ISBN 3-7633-5900-1

Schneeschuhtouren
Christian Schneeweiß
Bruckmann Verlag
ISBN 3-7654-3595-3

Die weiße Gefahr
Schnee und Lawinen
Erfahrungen, Mechanismen, Risikomanagement
Verlag Martin Engler
ISBN 3-9807591-1-3


© 2001 www.jr-teams.de/Jörg Reisinger        

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